Die große Transformation – Wie nachhaltiges Wirtschaften gelingen kann

Nachhaltigkeit als Ziel zu formulieren ist das eine. Eine ganze Volkswirtschaft dorthin zu transformieren, etwas völlig anderes. Im wissenschaftlichen Diskurs ist häufig von der „großen Transformation" die Rede – einem Begriff, den unter anderem der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) geprägt hat. Gemeint ist damit ein tiefgreifender Wandel, der weit über einzelne Maßnahmen hinausgeht: Infrastrukturen, Produktionsprozesse, Regulierungssysteme und Lebensstile müssen sich gleichzeitig verändern – getragen von einem neuen Zusammenspiel aus Politik, Gesellschaft, Wissenschaft und Wirtschaft.

 

01Weg zur Dekarbonisierung. Quelle: Technik-Kiste.de

Deutschland verfügt mit der Deutschen Nachhaltigkeitsstrategie über ein durchaus qualifiziertes Instrumentarium: Ziele, Maßnahmen und Indikatoren, die politikgestaltend wirken sollen. Trotzdem ist die große Transformation keineswegs ein Automatismus. Zahlreiche Pfadabhängigkeiten und Blockaden stehen ihr entgegen – etablierte Infrastrukturen, gewachsene Interessenkonstellationen und Gewohnheiten, die sich nicht einfach per Beschluss auflösen lassen.

Deshalb kommt dem gestaltenden Staat eine zentrale Rolle zu: Er muss Prioritäten setzen, gleichzeitig erweiterte Partizipationsmöglichkeiten für seine Bürger schaffen und der Wirtschaft konkrete Handlungsoptionen für nachhaltiges Wirtschaften eröffnen. Da jede Transformation zwangsläufig auf Basis unvollständiger Informationen erfolgt, sollte sie zudem durch wissenschaftliche Risikoanalysen begleitet werden – nur so lassen sich Fehlentwicklungen frühzeitig erkennen und Risiken minimieren.

Ein konsistenter Transformationsprozess erfordert dabei mehrere aufeinander aufbauende Schritte: die Festlegung relevanter thematischer Bereiche, die Identifikation möglicher Konfliktfelder, einen realistischen zeitlichen Rahmen und schließlich ein funktionierendes Monitoringsystem, das den Fortschritt messbar macht. Wichtig dabei: Jeder Umbau setzt am bereits erreichten Niveau an – sowohl national als auch global – und richtet sich konsequent auf das bislang Unerreichte, wozu auch die internationale Kooperation zählt.

 

Was frühere Transformationen lehren

Deutschland hat bereits große wirtschaftliche Transformationen durchlebt. Nach den Kriegsjahren entstand die Soziale Marktwirtschaft – bis heute vielfach als gelungenes Transformationsbeispiel gewertet. Auch die deutsche Wiedervereinigung wird als Transformationsprozess bezeichnet.

Bei genauerem Hinsehen zeigt sich jedoch ein wichtiger Unterschied zur heutigen Aufgabe: In beiden historischen Fällen stand die ökonomische Dimension klar im Vordergrund. Für nachhaltiges Wirtschaften reicht das jedoch nicht aus – hier müssen ökologische, ökonomische und soziale Aspekte gleichrangig berücksichtigt werden. Deshalb lässt sich festhalten: Bislang kam es allenfalls zu partiellen Transformationen, nicht aber zu einer großen Transformation im Sinne echter nachhaltiger Entwicklung.

Eine Transformation durch Innovationen in Richtung Nachhaltigkeit verlangt mehr als neue Technologien – sie erfordert eine Änderung von Praktiken, Routinen und Gewohnheiten, sowohl bei Produzenten als auch bei Konsumenten. Häufig sind deshalb soziale Innovationen notwendig, die über rein technologische und ökologische Innovationen hinausgehen.

Innovationsprozesse werden heute meist im Rahmen sogenannter Innovationssysteme betrachtet – dem Zusammenwirken von Staat, Unternehmen, Forschungseinrichtungen und Bildungsinstitutionen. Genau hier zeigt sich eine wichtige Erkenntnis: Technische Lösungen stoßen ohne soziale Innovationen an ihre Grenzen. Die Hightech-Strategien der Bundesregierung, der europäische Green New Deal und die ökologische Industriepolitik setzen stark auf technologische Lösungsansätze – doch diese lassen sich ohne begleitende soziale Innovationen nur schwer umsetzen. Entscheidend ist letztlich, ob umweltfreundliche Technologien, Güter und Politikkonzepte von Bürgerinnen und Bürgern tatsächlich angenommen werden – etwa durch echte Verhaltensänderungen.

Innovationen sind nicht nur zentral für wirtschaftliches Wachstum – sie treiben auch den Transformationsprozess zu nachhaltiger Entwicklung voran. In der klassischen ökonomischen Literatur werden Innovationen meist eng als technische Neuerungen verstanden, die zu technischem Fortschritt führen und sich positiv auf Produktion, neue Produkte und zusätzliche Nachfrage auswirken. Volkswirtschaften ohne nennenswerte Innovationstätigkeit tendieren langfristig zur Stagnation und verlieren an Wettbewerbsfähigkeit – weshalb marktwirtschaftliche Systeme von einem ständigen Innovationswettbewerb geprägt sind.

Der Anreiz für einzelne Unternehmen, sich an diesem Wettbewerb zu beteiligen, liegt in der Erschließung neuer Marktsegmente oder der Verbesserung bestehender Produktionsprozesse. Heute denkt man dabei jedoch längst nicht mehr an einzelne innovative Unternehmer, sondern an ganze Innovationssysteme, in denen Unternehmen, staatliche Einrichtungen und Wissenschaft eng zusammenarbeiten. Der Erfolg solcher Systeme hängt maßgeblich vom Bildungssystem und von der Kooperationsbereitschaft zwischen den beteiligten Akteuren ab.

Da Innovationen „nicht wie Manna vom Himmel fallen", sondern durch staatliche Innovationspolitik gezielt gesteuert werden können, stellt sich eine entscheidende Frage: Entspricht diese Politik den Anforderungen nachhaltiger Entwicklung? Davon hängt maßgeblich ab, wie dynamisch der Transformationsprozess tatsächlich verläuft. Eine wichtige Herausforderung besteht darin, die häufig zu einseitige Technologiebezogenheit von Innovationssystemen zu überwinden – nur so kann eine innovationsorientierte Nachhaltigkeitspolitik allen drei Nachhaltigkeitsdimensionen gerecht werden.

Empirische Untersuchungen zeigen dabei einen klaren Zusammenhang: Umweltpolitische Regulierungen – etwa bei Emissionsgrenzwerten oder der Nitratbelastung durch die Landwirtschaft – tragen wesentlich zum Wachstum von Umweltinnovationen bei. Der Förderung durch die öffentliche Hand kommt dabei eine besondere Bedeutung zu, da es sich häufig um komplexe technologische Entwicklungen handelt, deren Markterfolg zunächst unsicher ist.

 

Der NIMBY-Effekt: Wenn Akzeptanz zur Hürde wird

Wie eng technologische und soziale Innovation zusammenhängen, zeigt sich besonders deutlich am Beispiel regenerativer Energien. Windräder und Photovoltaikanlagen zu bauen ist die eine Herausforderung – ihre gesellschaftliche Akzeptanz zu sichern, eine mindestens ebenso große. Gerade wenn Anlagen in der Nähe von Wohnsiedlungen entstehen sollen, kommt es häufig zu Konflikten. Dieses Phänomen ist als NIMBY-Effekt bekannt – „not in my backyard": Technische Infrastrukturen, die grundsätzlich positiv bewertet werden, gelten im eigenen unmittelbaren Umfeld plötzlich als störend oder bedrohlich.

Zwei Lösungsansätze haben sich bewährt: Zum einen die weitere Erforschung von Unsicherheiten über mögliche negative Auswirkungen nachhaltigkeitsorientierter Technologien, um diesen gezielt entgegenzuwirken. Zum anderen die aktive Bürgerbeteiligung – etwa durch Bürgerenergiegenossenschaften, die den Bau von Anlagen selbst mittragen und dadurch spürbar mehr Akzeptanz schaffen als rein von außen geplante Projekte.

Umweltinnovationen entfalten ihre Wirkung dabei auf drei Ebenen: individuell beim Gebrauch von Gütern und Dienstleistungen, auf Unternehmensebene durch Produktionsprozesse und Produkte, sowie unternehmensübergreifend durch Logistik- und Recyclingsysteme, Netzwerkbildung und staatliche Technologiepolitik.

 

Schwache und starke Umweltinnovationen

Nicht jede Umweltinnovation trägt gleichermaßen zur ökologischen Entlastung bei – die Wissenschaft unterscheidet deshalb zwischen schwachen und starken Umweltinnovationen.

Schwache Umweltinnovationen sind instrumentelle, auf bestimmte Bereiche beschränkte Neuerungen – oft Nebenprodukte der Umweltpolitik wie Katalysatoren, sparsamere Motoren oder stromsparende Haushaltsgeräte. Sie sind wichtig und förderungswürdig, ihre Wirkung bleibt jedoch meist punktuell. Zudem besteht bei ihnen die Gefahr, dass ihre positiven Effekte durch Rebound-Effekte kompensiert oder sogar überkompensiert werden.

Starke Umweltinnovationen dagegen erbringen eine signifikante Leistung zur Umweltentlastung. Der entscheidende Gradmesser: Kommt es zu einer absoluten Entkopplung der ökologischen Belastung vom wirtschaftlichen Wachstum? Der Übergang von konventioneller zu erneuerbarer Energie ist ein aktuelles Beispiel für eine starke Umweltinnovation – während die bloße Verbesserung des Wirkungsgrads eines konventionellen Kraftwerks eher der schwachen Kategorie zuzuordnen wäre. Ähnliches gilt für den Übergang vom klassischen Verbrennungsmotor zu alternativen Antriebskonzepten oder neuen Mobilitätsformen. Aus einer breiteren Nachhaltigkeitsperspektive können jedoch auch starke Umweltinnovationen zu neuen Konflikten führen – etwa hinsichtlich Rohstoffbedarf oder sozialer Verträglichkeit.

 

Ausblick

Die große Transformation zu nachhaltigem Wirtschaften ist kein technisches Projekt, das sich allein durch neue Erfindungen lösen lässt. Sie ist ein gesellschaftlicher Aushandlungsprozess, der technologische, soziale und politische Innovationen gleichermaßen erfordert – und der nur gelingt, wenn Menschen die notwendigen Veränderungen mittragen, statt sie nur zu erdulden. Die Erfahrung mit dem NIMBY-Effekt zeigt exemplarisch, dass selbst technologisch ausgereifte und politisch gewollte Lösungen an mangelnder Akzeptanz scheitern können, wenn Bürgerinnen und Bürger nicht frühzeitig eingebunden werden. Wer die große Transformation ernsthaft vorantreiben will, muss deshalb ebenso viel in Beteiligung, Vertrauen und soziale Innovation investieren wie in neue Technologien


 

Wir benutzen Cookies

Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Einige von ihnen sind essenziell für den Betrieb der Seite, während andere uns helfen, diese Website und die Nutzererfahrung zu verbessern (Tracking Cookies). Sie können selbst entscheiden, ob Sie die Cookies zulassen möchten. Bitte beachten Sie, dass bei einer Ablehnung womöglich nicht mehr alle Funktionalitäten der Seite zur Verfügung stehen.